Ausgabe 3/2013

Pro und Contra Gebrauchsanleitungen

Gebrauchsanleitungen lesen? Oder einfach Bescheid wissen? Eine Diskussion zwischen Karin Kroemer und Ulrich J. C. Harz aus dem Do-it-yourself-Heft von Alles André.

Ja, ich lese Gebrauchsanweisungen. Das lässt zwar meinen Coolness-Faktor ins Bodenlose abstürzen, aber ich halte das ebenso aus, wie ich mich öffentlich dabei beobachten lasse, nicht alle fünf Minuten auf ein Smartphone starren zu müssen. Ich habe nämlich keins – die Gebrauchsanweisung war einfach zu schwierig.

Ich mag keine technischen Geräte, sie sind meine wahren Feinde in den Schlachten des Alltags. Ihre perfideste Waffe: Sie funktionieren nur, wenn man sie nicht braucht. Deshalb habe ich z. B. keinen E-Reader. Die Vorstellung, ich sitze auf der anderen Erdhälfte am Hotelpool mit 800 Büchern in meinem Reader, und der fällt mir dann in den besagten Pool, treibt mir die Tränen in die Augen. Der Schamane, der neulich meine Spülmaschine heilte, hat mir ernsthaft nahegelegt, sie, die Maschine (!), intellektuell mehr zu fordern, indem ich öfter die Programme wechsele. Ich habe ihr, der Maschine (!), angeboten, eine Fremdsprache zu erlernen, und erwäge, künftig wieder analog zu spülen. Ich kann das nämlich noch. Nun muss man sich um mich keine Sorgen machen: Zwar bin ich vielleicht etwas unterdigitalisiert, aber Computer, Handy, Pürierstab, alles da, wir kommen klar miteinander. Ich bemühe mich um eine friedliche Koexistenz, und die goldene Brücke dahin ist die Gebrauchsanweisung. Man muss seine Feinde kennen.

Ich habe einen Ehemann, von dem ich möchte, dass er mir noch lange erhalten bleibt. Deshalb soll er sich wohlfühlen. Wir verleben sehr schöne Stunden, wenn wir aus irgendeinem Bau- oder Technikverkaufspalast heimkehrend unsere Beute begutachten. Er dreht, wendet das Gerät oder den Bausatz, drückt hier Tasten, verbindet da Kabel und dort Stecker, schnauft ein bisschen wie der Hund mit dem Knochen und freut sich, wenn er schon nach zwei Stunden den Eingang einer Antenne, eines Lautsprechers oder was auch immer gefunden hat.

Ich hingegen lege dann friedlich lächelnd die Gebrauchsanweisung beiseite, mache nicht (!) den Klassiker unter den Gattinnenfehlern – „Das hätte ich dir gleich sagen können, steht nämlich hier.“ – und genieße einen stillen, aber großen Triumph, übrigens gerne mit einem feinen Cigarillo. Zugegeben, der Weg dorthin war steinig und mit einem großen Irrtum gepflastert: dass Männer nämlich keine Gebrauchsanweisungen lesen, weil sie faul sind. Nein! Sie lesen sie nicht, weil sie Männer sind. Gebrauchsanweisungen sind die wahren Feinde des echten Mannes, oder neuumgangssprachlich ausgedrückt: Sie sind schwul, und das hat wie immer in diesem Kontext etwas mit Konkurrenz zu tun.

Männer glauben nicht, dass ihre DNA geschraubt, sondern dass die Schraube ein Teil ihrer DNA ist und jeder andere Schrauber nur ein Idiot sein kann. (Wenn Ihr Mann kein Homo technicus ist, können Sie dieses Prinzip übrigens auf beliebige andere Bereiche übertragen.) Immer, und wirklich ausnahmslos immer, müssen Sie, wenn ein Handwerker Ihr Heim betritt, das Ritual über sich ergehen lassen: „Wer hat Ihnen denn diesen Pfusch gemacht?!“ Und diesen Pfuscher vermutet jeder Mann hinter der Gebrauchsanweisung, mindestens aber eine unverschämte Bevormundung (Unvorstellbar, der Gebrauchsanweisungslyriker könnte eine Frau sein, dabei kenne ich welche.) Und deshalb wäre auch der Gattinnenfehler, siehe oben, so fatal: Nicht nur, dass sie sich quasi mit dem Nebenbuhler einlässt, der Klugscheißer überholt auch noch in der Kernkompetenz, und von dem zitierten Satz klingt in seinen Ohren nur noch „steht nämlich“. Und so kommt es dann zu der schlechten Laune, die nach Baumarktbesuchen das filigrane Beziehungsgefüge so zerrütten kann. Fazit: Frau lasse ihn spielen, halte die Klappe und wenn er mit dem Hund geht, baue sie das Teil halt noch mal richtig zusammen und freue sich mit ihm, dass es ja doch funktioniert. Dabei erweist sich die Gebrauchsanweisung als treuer Hausfreund.

Ich finde Gebrauchsanweisungen immer noch lustig wegen der doofen Übersetzungsfehler, auch wenn das schon ein alter Hut ist. Mein Favorit aus einer Touristenbroschüre (auch eine Gebrauchsanweisung) vom Plattensee: „Wenn Sie keine Lust mehr haben zu baden, versuchen Sie es mit schiffen.“ Man hat dann auf öden Partys, wenn schon alle Pannengeschichten über die Deutsche Bahn durch sind, immer was zu erzählen. In solchen Situationen kann es auch hilfreich sein zu wissen, dass sich dieses oder jenes Asthmamittel nicht mit diesem oder jenem Antibiotikum verträgt. Ja, ich lese auch Beipackzettel.

Ich mag überhaupt keine Gebrauchsanweisungen für Männer, also wie frau sie sich bäckt, tunt, und sonstiges nutzloses Zeug. Da bin ich nämlich mit Nina Simone „just an old-fashioned girl“ und eben kein User. Außerdem sind Männer einfache, selbsterklärende Systeme, und wenn mal etwas nicht gleich funktioniert, dann hilft es, einfach ein bisschen an ihnen herumzuspielen. Oje, war das jetzt schon eine Gebrauchsanweisung?

Nein, nein, nein! Gebrauchsanweisungen liest kein Schwein. Und das hat seine guten Gründe. Persönlich bin ich seit meiner Armyzeit kein großer Freund von Anweisungen und nur sehr devoten Geistern bescheren diese einen Lust- oder Erkenntnisgewinn. Die Produktwelt nämlich spaltet sich in zwei Lager. Die einen setzen auf das sogenannte Universal Design, neudeutsch: Design für alle. Das meint, Design müsse so einfach, intuitiv erlernbar sein, dass jedes Kind, auch jenes, das ausschließlich der vorderasiatischen Turksprache mächtig ist, den Stabmixer automatisch, eben intuitiv, bedienen kann. Die anderen verkaufen gleich Seminare mit, um das Technical Device zu handlen, wie es neudeutsch heißt.

Ein Beispiel dafür ist die herrlich wertkonservative Marke Jaguar, deren Schnittmenge mit Longfiller-Aficionados gewaltig sein muss. Die Fahrer waren früher Architekten, Designer und andere Einzelgänger. Ihnen reichte ein 104-seitiges Fahrerhandbuch, allein das so wesentliche Kapitel Aschenbecher und Zigarrenanzünder füllt die komplette Seite 94. Doch das ist nur die Basis. Das Heft „Fahrzeugpflege“ umfasst weitere 94 Seiten, die Info zum Autotelefon nur 16 Seiten, ebenfalls 16 Seiten hat die Broschüre „Anleitung zum Sicherheitssystem“. Die Info „Audiosystem“ umfasst 32 Seiten, ganze 50 Seiten braucht „Sales and Service International“, also die Wartungsadressen, die beginnen aber auch mit dem Siegel und By Appointment von Queen und Prince of Wales. Well, well, well.

Zwei kleine Hefte zum Wartungsprogramm und zum Servicenachweis runden die stattliche Bibliothek ab, die wahlweise in einer british-racing-greenen Ledertasche platziert wird oder in einem schwarzen Plastikpackerl, eine nett illustrierte Karte mit Sicherheitshinweisen, wie man sie aus der zivilen Luftfahrt kennt, ergänzt ein Informationsangebot, das nur zu sich nimmt, wer wochenlang ans Bett gefesselt ist. Seit die Marke Jaguar von Ford zu Tata gewechselt ist, hilft selbst eine solche Bibliothek nicht. Die moderne Informationskaskade mit digitalen E-Learn-Programmen, die über den Navi-Bildschirm eingespielt wird, überfordert Architekten, Designer und Künstler gleichermaßen, sie wenden sich mit Grauen ab von der auch im Design entstellten Marke. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nehmen wir mal ein anderes Beispiel: den Philishave Easystyler von Philips. Das Ding ist vergleichsweise einfach, hat einen Knopf zum Anmachen und einen Schieber mit sieben Einstellungen für die richtige Haarlänge. Wozu braucht das eine Bedienungsanleitung mit 98 Seiten? Weil natürlich alle europäischen Sprachen abgefeiert werden müssen, da auch Türken und Griechen sich Gedanken über ihren Kopfputz machen. Dann lobt mich die Bedienungsanleitung dafür, dass ich mit Philips genau die richtige Wahl getroffen habe. Die klassische Captatio benevolentiae, na Danke schön.

Im Mittelteil werden mir verschiedene Schneide- und Stylingarten vorgestellt, an die sich aber nur der Erfahrene machen soll, also wahrscheinlich mein Friseur. Und im letzten Kapitel braucht der Verfasser fast 100 Wörter, um mich bei Problemen oder weiteren Informationswünschen an www.philips.com zu verweisen. Das ist Kommunikation im Kanzleistil. Schon der Schreibstil oder die grottigen Illustrationen wären Grund genug, jede Gebrauchsanweisung sofort dem Altpapier zuzuführen. Allein der erste Satz in der Gebrauchsanweisung zu einem Gummiboot, das mich in meiner Kindheit über die Weltmeere schipperte, entschädigt mich für alles: „Das Schlauchboot ist nur in aufgeblasenem Zustand zu verwenden.“

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Datum: 14.03.2014  |  Kategorie: Ausgabe 3/2013

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