Der Schneider von Ulm

Vor 200 Jahren misslang Ludwig Albrecht Berblingers Flugversuch. Wie ein Schneider aus allen Wolken fiel und Bertolt Brecht ein Gedicht darüber schrieb. Ein Bericht von Ulrich C. Harz aus dem Themenheft „Der Traum vom Fliegen“.

Der Schneider von Ulm

Wie ein Schneider aus allen Wolken fiel …

Hochmut kommt vor dem Fall. Wenn es eine Geschichte zu diesem Diktum gibt, dann ist es die von Ludwig Albrecht Berblinger, besser bekannt als der Schneider von Ulm. Nie vor oder nach ihm ist der Menschen Traum vom Fliegen so jämmerlich und lächerlich geendet, in einem einzigen gigantischen Lachen aus tausend Kehlen. Alle anderen der vielen Gestürzten, von Ikarus bis Otto Lilienthal, sind tragischer oder trauriger gescheitert, der Schneider ist der Häme zum Opfer gefallen, dem Gespött und der Missgunst der Zeitgenossen, über die er sich erheben wollte.

Berblinger, gleich dem Genie Beethoven 1770 geboren, entkam dem Waisenhaus, indem er früh das Schneiderhandwerk erlernte, schon mit 22 Jahren machte er den Meister. Aber sein unruhiger Geist wollte mehr, er wurde Tüftler und Erfinder, bastelte und konstruierte. Berblinger gilt als Erfinder der ersten Fußprothese. Wenn man weiß, wie viele Hunderttausende von Verstümmelten die napoleonischen Kriege hinterlassen haben, hat man eine Ahnung davon, dass Berblinger mit seinen Prothesen ein kleines Vermögen verdiente. Das steckte er in seinen Traum vom Fliegen. Er bastelte Gleitflügel, Rahmen aus Holz, die er mit Segeltuch bespannte, er probierte, tüftelte, entwickelte, verwarf. Statt Holz versuchte er Fischbein und Draht, das schwere Segeltuch ersetzte er durch Seide, Flugversuche wechselten mit Nächten auf dem Dachboden. Er war sich wie da Vinci sicher, dass der Mensch die Schwerkraft überwinden könne, und das erzählte er auch seinen Ulmern. Denen wurde der Schneider zum Aufschneider, man versuchte, ihn aus der Zunft zu werfen, wollte dem Fliegenden die Flügel schon stutzen. Ulm ist überall.

Und dann kommt der Mai 1811. König Friedrich von Württemberg will seine Stadt besuchen, der Magistrat will ein Spektakel, eine Volksbelustigung, etwas Einzigartiges, ein Mensch wird über die Donau fliegen, der Schneider muss ran.

Aus dem Umland kommt das Volk in Kutschen angereist, Tausende säumen das Donauufer, auf der Adlerbastei, einer alten Festung, hat man ein Holzgerüst für den Start gebaut, darunter das Prunkzelt für den königlichen Hof; Fanfaren künden das Spektakel an, der Schneider legt seine Geschirre an, lässt sich die Flügel mit Riemen am Körper festschnallen, steht 23 Meter über der Donau und – fliegt nicht. Der Wind sei nicht günstig, die Menge ist enttäuscht, das Spektakel fällt aus, der König reist ab.

Am nächsten Tag der zweite Versuch. Die Teilnahme ist geringer geworden, aber die Prinzen sind mit dem Hofstaat im Prunkzelt, alles wartet auf den großmundig versprochenen Flug. Berblinger steht im Geschirr auf dem Turm, zögert, prüft die Winde, steht unschlüssig, bis ein Gendarm ihn vom Turm schubst.

Kein Flügelschlag, kein Meter des Gleitens, kein erhabener Flug, plump plumpst das tapfere Schneiderlein in die kalte Nässe der Donau, die ihn gnädig aufnimmt. Aus Volkes Kehle Gelächter, Gejohle, Geschrei. Hat man so etwas schon mal gesehen?

Der Schneider lebt noch 18 Jahre, ohne Träume, nur für seine Prothesen. Er verliert sein Vermögen, er stirbt an Auszehrung, wir müssen uns Berblinger als unglücklichen Menschen vorstellen.

… und Bertolt Brecht ein Gedicht darüber schrieb.

Der Zigarrenfreund Bertolt Brecht setzte dem „Schneider von Ulm“ mit seinem 1934 geschriebenen Gedicht „Ulm 1592“ ein Denkmal. Er verlegte das Geschehen in die frühe Neuzeit und ersetzte den König durch einen Bischof, er ließ den Schneider vom „grossen Kirchendach“ springen und dadurch auch auf dem „harten Kirchenplatz“ sterben.

Bertolt Brecht – Ulm 1592

„Bischof, ich kann fliegen“,
Sagte der Schneider zum Bischof.
„Pass auf, wie ich’s mach’!“
Und er stieg mit so ‘nen Dingen,
Die aussahn wie Schwingen
Auf das große, große Kirchendach.
Der Bischof ging weiter.
„Das sind so lauter Lügen,
Der Mensch ist kein Vogel,
Es wird nie ein Mensch fliegen“,
Sagte der Bischof vom Schneider.

„Der Schneider ist verschieden“,
Sagten die Leute dem Bischof.
„Es war eine Hatz.
Seine Flügel sind zerspellet
Und er lag zerschellet
Auf dem harten, harten Kirchenplatz.“
„Die Glocken sollen läuten,
Es waren nichts als Lügen,
Der Mensch ist kein Vogel,
Es wird nie ein Mensch fliegen“,
Sagte der Bischof den Leuten.

Vom 6. Mai bis 13. November 2011 zeigt das Stadthaus Ulm die Ausstellung zum Berblinger-Jubiläumsjahr 2011 „Abheben – die Vision vom Fliegen“.

Datum: 28.09.2011

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