Film – Der Zündstoff, aus dem die Träume sind

Das Museum für Film und Fernsehen in Berlin zeigt alles rund um Zelluloid. Gerald Koll hat es besucht.

Der Zündstoff, aus dem die Träume sind

Mein liebstes Schmuckstück im Museum für Film und Fernsehen, das alles zeigt von A (wie Ausstattung) bis Z (wie Zelluloid), ist so groß wie eine Streichholzschachtel. Allerdings flacher. Es handelt sich um ein Zündholz-Etui. Auf dem goldenen Metalldeckel steht „EvS“, gerahmt mit ägyptischem Ecken-Ornament.

„Feuer?“ Ein Salon in Santa Monica 1929, Sonntag. Regisseure beim Kaffeeklatsch. Löffel klingeln gegen Porzellan. Filmideen blinken wie Sterntaler. Eine Hand in weißem Leder entnimmt ein Schwefelholz aus einem goldenen Etui. Sie reicht die Flamme einem Herrn, der sich mit kolossaler Zigarre zwischen gebleckten Zähnen über die Sessellehne stemmt. „Verbindlichsten Dank, Korporal“, feixt er. Die Miene des Spenders bleibt versiegelt: „Oberst von Stroheim, angenehm, Herr Lubitsch aus Berlin!“ Dieser lacht feixend. Stroheim öffnet indigniert sein Cigarettenetui. Das Gold reflektiert das Licht des Lüsters und lenkt Stroheims Blick auf die Gravur: „To my beloved husband“. Stroheim lächelt verstohlen. Lubitsch linst misstrauisch hinüber, zieht eine Grimasse.

Eine Szene zwischen Ernst Lubitsch und Erich von Stroheim? Ein Hirngespinst. Doch ein Filmmuseum lädt zu so etwas ein. Es ist eine Sammlung von Projektionen, eine Stätte der Lichtspiele und Überblendungen.

Schon beim Eintritt befindet man sich im eigenen Film, ist umringt von Spiegeln, Leinwänden, Bildern. Requisiten liegen bereit. Geschichten steigen auf wie Schwaden: von den Anfängen des Films bis in die Gegenwart. Von Deutschlands erstem bis zu seinem letzten Filmstar, von Kaiser Wilhelm II. bis vincent will meer, vom Träger des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler bis zum jüngsten Träger des Filmpreises in Gold. Der Held mit Armlähmung steigt 1907 auf ein Pferd (über ein Treppchen), der Held mit Tourette-Syndrom steigt 2010 in ein Auto (mit gestohlenem Schlüssel), beide suchen einen Platz an der Sonne. In diesem Filmmuseum spinnt jeder sein eigenes Netz.

1929 wäre für Stroheim kein schlechtes Jahr gewesen, m Olymp des Films die Fackel an Lubitsch weiterzureichen: Da hatte Hollywood Stroheim – es liebt Genies, aber es verzeiht ihnen nicht – nach exzentrischen Exzessen als Regisseur kaltgestellt, und kein Regisseur wurde besser bezahlt als Lubitsch. Er war 1922 eingewandert. Mit Prachtzigarre – sein Markenzeichen – sieht man ihn in einem Bullauge, wenn man im Abschnitt „Transatlantik“ über ein stilisiertes Borddeck schlendert.

„Der Einfluss Lubitschs“ schrieb Billy Wilder auf die Rückseite einer Fotografie von sich mit Zigarre. Das war in den 40ern. Er hatte für Lubitsch Drehbücher geschrieben, nachdem er im Dezember 1933 aus Nazi-Deutschland emigriert war. Jahre später durfte Wilder selbst Regie führen. 1950 drehte er Sunset Boulevard mit Erich von Stroheim: als ruiniertem Regisseur, als Lakai einer wahnsinnigen Diva mit extravagantem Zigarettenhalter. Ein meterbreites Schild stand bis 1998 in Wilders Arbeitszimmer auf einem Regal. Es stellte ihm die Leitfrage seines Filmschaffens: „How would Lubitsch do it?“ Jetzt steht es in der Glasvitrine in Berlin.

Das Museumskonzept animiert zum vergleichenden Blick: zwischen Generationen, zwischen Ost und West, zum Beispiel zwischen Rebellen in Berlin-Filmen wie Die Halbstarken (BRD 1956) und Berlin – Ecke Schönhauser (DDR 1957): Horst Buchholz (mit Glimmstängel) contra Ekkehard Schall.

Das Museum verewigt jene, die Grenzen überwinden. Es folgt frühen Auswanderern ebenso wie Exilanten und Emigranten der Nazizeit bis zu den Glückssuchern der 80er wie Wolfgang Petersen, Wim Wenders, Werner Herzog. Da hängt die Mütze vom Kaleu aus Das Boot!, da hängen die Engelsflügel aus Himmel über Berlin, da liegt das Opernschiff aus Fitzcarraldo – nur ein Modell mit 3,77 Metern, aber es wäre den Indianern sicher lieber gewesen als das Original, das sie für Herzog an Seilen über den peruanischen Bergrücken ziehen mussten.

Wenig bliebe der deutschen Filmgeschichte ohne den Blick über seine Grenzen – man betrachte nur die schönste aller Frauen im deutschen Stummfilm, Louise Brooks, die aus einer leuchtenden Litfaßsäule lächelt. Zu ihren Füßen liegt ein Trümmerfeld, entsprechend ihrer erotischen Wirkung in Die Büchse der Pandora, in dem Lulu 1929 aus einem Zugabteil in den Gang schaut, um sich Feuer geben zu lassen.

Viele gingen außerdem fort und kamen wieder. Zum Beispiel Marlene Dietrich, eine der engsten Freundinnen Billy Wilders, die am letzten Novembersonntag 1947 um Viertel nach drei Lubitsch zum Kaffee besuchte und ihn tot auf der Couch fand, 25 Minuten nach seinem letzten Herzinfarkt. Die Dietrich. Sie ist das special darling hier. Sie hinterließ der Deutschen Kinemathek, die das Museum bestückt, 3000 Kleidungsstücke, darunter 430 Paar Schuhe und 400 Hüte, auch ein Zigarettenetui aus Lapislazuli, Malachit und Brillanten auf Gold. Josef von Sternberg, Schöpfer des Blauen Engels, ließ eingravieren: „Weib, Mutter und Schauspielerin wie noch nie“. In einer Art Boudoir liegen Preziosen ihrer Privatschatullen, pikante Grußadressen, etwa die – eilig, ja: dringlich mit rotem Buntstift hingeschriebene – Notiz aus der Hand von Douglas Fairbanks Jr.: „Remember 4 days ago? The bed is lonely, my heart is lonely and I love you so much …“ Beben einer Männerbrust. Nur John Wayne hält ihr das Zündholz so charmant entgegen, als wäre es ein Büschel Gras. Ein kostbarer Moment: Marlene Dietrich beugt den Nacken.

Nur zwei Schritte weiter, und es wird patriotisch wie noch nie. Dort residiert Dietrichs Altersgenossin aus Berlin und ihr Gegensatz, Leni Riefenstahl, die glühende Nationalsozialistin. Auch museal ein Widerpart. Auf Dietrichs üppige Intimsphäre folgt ein winziger und zugleich öffentlicher Raum, bestimmt von einem Stadion, dem Olympiastadion, Schauplatz des Olympia-Films von 1936. Statt ehrerbietend vor der dokumentarischen Leistung zu salutieren, läuft flankierend auf originalen Probeaufnahmen ein neoklassisch gestählter Speerwerfer hehr und kühn zum großen Wurf – bis er auf einen Dorn tritt. Dann wird es mulmig: Die Wände sind eingerüstet mit stählernen Schubladen. Zieht man eine auf, schnarrt es kriegsbesoffen: „Und nun drauf mit Tod und Verderben!“ Kampfflugzeuge im Anflug. Der Propagandafilm Feuertaufe kündet „vom Einsatz unserer Luftwaffe im polnischen Feldzug“ (Untertitel). Die Lade bewahrt Hitlers Glückwunschtelegramm vom 28.3.1940. Die kühle graue Halle birgt die Leichen im Keller deutscher Filmgeschichte. Aber sie verbirgt sie nicht.

Das Verborgene will entdeckt sein. Das Filmmuseum lädt auf seiner Zeitreise immer wieder dazu ein. Es macht neugierig, ohne zu überwältigen. Siehe Henny Porten, einstmals begehrter als Cameron Diaz, legendär wie Madonna, nur frommer. Es macht doppelt Spaß, ihren bebenden Busen in Der Kuss des Fürsten von 1912 zu studieren, wenn man erfährt, zwecks besseren Bebens stecke ein Blasebalg im Dekolleté. Bei jedem Seufzer pumpt jemand Luft.

Von Special Effects, Explosionen, der Entzündlichkeit von Filmmaterial und Nerven überreizter Darsteller ist die Rede, ebenso von Lichtsetzung und technischem Drumherum. Die Sonderausstellung „Paris – Babelsberg – Hollywood, 1909 bis 1939“ von Dezember bis April zeigt herausragende, größtenteils unveröffentlichte Fotografien der Filmarbeit in den großen Studios.

Natürlich fehlen auch die Stilpräger der 70er Jahre nicht: Alexander Kluge und Konrad Wolf, Rainer Werner Fassbinder. Lauter Namen könnten die Zeilen herabregnen, bis hin zu Loriot, dessen Fernsehsendungen auch einzeln in den Räumen der Abteilung Fernsehen findbar sind. Dort lässt sich nach Trouvaillen stöbern: nach Straßenfegern, Sportsendungen, Shows, den verrauchtesten Interviews. Der Glamour verdunstet dabei etwas.

Die 90er überspringt man ohnehin mit einem Satz (diesem letzten nämlich). Kein Lubitsch nirgends. In gewisser Weise trat Bernd Eichinger das Erbe an: Beide hinterließen Hitler-Filme (Sein oder Nichtsein, Der Untergang), starben vor dem Pensionsalter an Herzinfarkt in Kalifornien, beide waren machtbewusste Macher mit Vorliebe für dicke Zigarren. Sie hinterließen Duftmarken. Flakons der späten Eichinger-Großproduktion Das Parfum stehen hinter Glas. Ein Museum ist manchmal auch ein Mausoleum.

Das Ende naht, es ist bedrückend. Da liegen Lebendige. Tom Tykwer, Christian Petzold, Fatih Akin: vertreten mit Foto, Schriftstück und Requisit, als wären es Grabbeigaben. Die Memorabilien der Neuzeit – sie sind vulgärer geworden als Brigitte Helms sexy Silberpanzer aus Fritz Langs Metropolis von 1927. Florian David Fitz spendete für die vincent am meer-Vitrine ein rotes T-Shirt.

Wilder hätte den kleinen Film wohl gemocht. Befragt nach seiner Meinung zu Actionspektakeln, sagte er: „Ich habe mit dem Rauchen aufgehört, weil ich mein Zippo-Feuerzeug nicht nachfüllen konnte.“ Stroheim hätte ihm mit Zündhölzern aus seinem Etui aushelfen können.

Deutsche Kinemathek
Museum für Film und Fernsehen
Potsdamer Straße 2
10785 Berlin
Dienstag bis Sonntag: 10–18 Uhr
Donnerstag: 10–20 Uhr
Montags geschlossen
http://www.deutsche-kinemathek.de

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